RathausReport September 2018: Demographische Prozesse und Wanderungen in Aich 1876 bis 1899

In den Jahren 1875 bis 1900 hatte Aich 267 bis 309 Einwohner und war ein Bauerndorf, in welchem kleine, mittlere und einige große Höfe beheimatet waren. Die Gütler dominierten quantitativ gegenüber den Vollbauern. Die Berufsstruktur der Männer wurde ergänzt vor allem durch Knechte und Mägde sowie Handwerker und Taglöhner. Auch zwei Gastwirte, ein Handwerksmeister und ein Lehrer lebten in diesem Zeitraum dort. Seit der Gebietsreform im Jahr 1978 gehört Aich zu Fürstenfeldbruck.

Die Migrationen

Die Mehrzahl der Männer, die im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts heirateten, war auch in Aich geboren, bei den Frauen war es etwas mehr als ein Drittel. Jeweils circa neun Zehntel der Männer und Frauen waren entweder in Aich selbst oder im Bezirksamt Fürstenfeldbruck geboren, dies deutet auf ein vorwiegend lokal geprägtes Migrationsgeschehen hin. Die Frauen wanderten in sehr jungen Jahren nach Aich, die Wanderungen waren somit Bestandteil einer lebenszyklischen Übergangsphase. Die Angehörigen der nächsten Generation, also die zwischen 1876 und 1900 Geborenen, starben vorwiegend in Fürstenfeldbruck und in München. Der Migrationsradius hatte sich also etwas ausgeweitet.

Das Hochzeitsalter

Die Frauen heirateten im Durchschnitt das erste Mal im Alter von 24 Jahren, etwa 70 Prozent der Frauen heirateten im Alter von höchstens 25 Jahren. Dies könnte auf den Wunsch der Frauen in der oberbayerischen dörflichen Welt zurückzuführen sein, aus wirtschaftlichen und sozialen Gründen möglichst frühzeitig zu heiraten. Das Heiratsalter der Männer lag im Vergleich zu dem der Frauen deutlich höher. Die Männer waren im Durchschnitt 28 Jahre alt. Das bevorzugte Heiratsalter der Männer lag in der Altersgruppe zwischen 26 und 30 Jahren. Der Altersunterschied zwischen Männern und Frauen lässt auf ein ökonomisches Gefälle zwischen den Geschlechtern schließen.

Die Anzahl der Geburten

Der Durchschnitt der Anzahl der Geburten, die eine verheiratete Frau in Aich hatte, lag bei fast acht Geburten. Aich entsprach mit seiner überdurchschnittlichen Geburtenzahl pro Frau der vormodernen, dörflichen und nicht-industrialisierten Welt. Innerhalb des Dorfes herrschte ein nahezu einheitliches Fruchtbarkeitsverhalten.

Geburtenkontrolle?

Eine zentrale Frage der Sozial- und Mentalitätsgeschichte ist, ob die Menschen im späten 19. Jahr-hundert Geburtenkontrolle betrieben. Im Durchschnitt wurden Frauen als auch Männer im dem Alter das erste Mal Eltern, in dem sie auch geheiratet hatten. Dies legt nahe, dass oftmals aufgrund einer Schwangerschaft geheiratet wurde. Dies kann als ein erster, vorsichtiger Hinweis zur Praxis der Geburtenkontrolle betrachtet werden. Die Hälfte der Frauen bekam ihr erstes Kind im Alter von 20 bis 25 Jahren. Doch fast vier Fünftel der Frauen und etwas über vier Fünftel der Männer waren bei der Geburt ihres letzten Kindes älter als 35 Jahre, etwa zwei Drittel der Frauen waren älter als 38 Jahre. In der Kombination mit der großen Anzahl an Geburten ist dies ein starkes Indiz für die Abwesenheit von Geburtenkontrolle, denn nur ein Fünftel der Frauen war bei der Geburt ihres letzten Kindes jünger als 35 Jahre. Hinzu kam ein weiterer und entscheidender Faktor: Nahezu vier Fünftel aller Geburten vollzogen sich maximal zwei Jahre nach der Geburt des letzten Kindes. Auch dies ist ein starkes Indiz für die Abwesenheit von Geburtenkontrolle, vor allem in Kombination mit dem hohen Alter der Frauen bei ihrer letzten Geburt. Bei fast drei Viertel derjenigen Fälle, in denen der Geburtenabstand ein bis zwei Jahre betrug, bewegte sich der Geburtenabstand zwischen 12 und 15 Monaten, d. h. die Geburten folgten äußerst rasch hintereinander, dabei kann es sich kaum um Geburtenkontrolle gehandelt haben. Die These lautet also, dass die Mehrzahl der Frauen und Männer in Aich im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts keine Geburtenkontrolle betrieben.

Die Säuglingssterblichkeit

Die hohe Säuglingssterblichkeit in Deutschland im 19. Jahrhundert war ein großes Thema. Als Gründe für die hohe Säuglingssterblichkeit im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts wurden und werden diskutiert: unzureichende Ernährung der Mütter, schlechte hygienische Verhältnisse in den Wohnungen der Gebärenden, schlechte Wasserqualität, fehlendes Stillen der Mütter vor allem in Süddeutschland, schlechte medizinische Versorgung, problematische ökonomische Verhältnisse der Eltern und Erschöpfungszustände der Mutter nach vielen Geburten. Die Säuglingssterblichkeit in Aich in den zweieinhalb Jahrzehnten vor der Jahrhundertwende lag bei knapp einem Drittel und knapp acht Prozent der Geborenen erreichte das 16. Lebensjahr nicht, insgesamt erreichten also vier von zehn Menschen das Alter von 16 Jahren nicht.

Das Sterbealter

Kommen wir zum Sterbealter. Bei den Geburtsjahrgängen circa 1810 bis circa 1850/60, die das Alter von 16 Jahren erreicht hatten und in den Jahren 1876 bis 1900 starben, betrug das durchschnittliche Sterbealter 59 Jahre. Fast die Hälfte dieser Bevölkerung, starb vor dem Erreichen des 60. Lebensjahres. Andererseits wurde fast ein Drittel der Bevölkerung von Aich schon im späten 19. Jahrhundert älter als 70 Jahre. Die Lebenserwartung hing von vielen Faktoren ab, zu den wichtigsten gehörte die Intensität und Schwere der Arbeit. Weitere Faktoren waren der Lebensstandard, die öffentlichen und privaten hygienischen Verhältnisse, die Häufigkeit und die Qualität der Ernährung, die Qualität der Wohnverhältnisse und das familiäre Verhalten gegenüber Kranken. Die dominierenden Todesursachen im 19. Jahrhundert waren Infektionskrankheiten, Krankheiten der Verdauungsorgane und Krankheiten der Atmungsorgane. Von denjenigen Frauen, die in den Jahren 1876 bis 1900 geboren wurden und die das 16. Lebensjahr erreichten, starben nur noch acht Prozent vor dem Erreichen des 60. Lebensjahres. Im Durchschnitt wurden die Frauen 77 Jahre alt. Fast vier Fünftel der Frauen wurden älter als 70 Jahre und vier von zehn Frauen starben erst nach dem Erreichen des 80. Lebensjahres. Die durchschnittliche Lebenserwartung der Frauen war deutlich höher als die der Männer, die nur 64 Jahre betrug. Die Männer wurden vor allem signifikant weniger häufig mehr als 70 Jahre alt als die Frauen. Die Ursachen hierfür sind in der Wissenschaft immer noch umstritten. Die wichtigsten Todesursachen im späten 20. Jahrhundert waren Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebserkrankungen.

Dr. Gerhard Neumeier
Stadtarchivar



Eintrag im Geburtenregister aus dem Jahr 1880. // Foto: Stadtarchiv




zurück zur Übersicht