Die Einwohnerwehr in Fürstenfeldbruck

Nach der Revolution von 1918/19 bildeten sich in Deutschland, Bayern und in Fürstenfeldbruck Einwohnerwehren. Nach der Darstellung der Einwohnerwehren in Deutschland bzw. Bayern soll die Einwohnerwehr von Fürstenfeldbruck beleuchtet werden.

Die Einwohnerwehren

Die Einwohnerwehren bestanden aus Zivilisten, meist Bürger und Bauern, die in ihren Heimatorten zum Schutz der öffentlichen Sicherheit und ihres Eigentums freiwillig Dienst taten. Auf Initiative der Regierung Hoffmann war zunächst der Obergeometer Rudolf Kanzler federführend beim Aufbau der Einwohnerwehren, die erste bayerische Einwohnerwehr entstand im Mai 1919 in Rosenheim durch die Umbildung des Freikorps Chiemgau.

Die Einwohnerwehren wurden seit dem Sommer 1919 aus der militärischen Unterstellung herausgelöst und kamen unter ziviler Leitung in die Aufsicht der Innenministerien. Die „freiwilligen, unpolitischen Selbstschutzverbände“ rekrutierten sich vor allem aus örtlichen Honoratioren, Kriegervereinen, Schützengilden sowie Turn- und Sportvereinen. Die Mitglieder in Kleinstädten waren fast ausschließlich Gewerbetreibende, Beamte, Angestellte und Bauern. Die Bewaffnung erfolgte aus Beständen der Reichswehr, finanziert wurden die Einwohnerwehren aus öffentlichen Mitteln und privaten Spenden, vor allem den Spenden der Unternehmerverbände.

Ab März 1920 regierten in Bayern Rechts- oder Mitte-Rechts-Regierungen mit der BVP als stärkster politischer Kraft. Die Regierungen suchten Rückhalt außerhalb des Parlaments und regierten de facto auch mit Hilfe der Einwohnerwehren. Auf Verlangen der Alliierten kam im April 1920 das Ende der Freikorps. Der ab 16. März 1920 in Bayern regierende Gustav Ritter von Kahr hatte bei den Einwohnerwehren einen großen Rückhalt. Im Bürgertum herrschte Angst vor dem Bolschewismus und die Reichsregierung glaubte, mit dem 100.000-Mann-Heer alleine den inneren Frieden und die Grenzen nicht schützen zu können.

In Bayern waren die Einwohnerwehren oft Hochburgen der Rechten, der Leiter der bayerischen Einwohnerwehren war der Forstrat Georg Escherich, sein Stellvertreter Rudolf Kanzler. Im September 1919 bereits waren die Einwohnerwehren im „Landesverband der Einwohnerwehren Bayerns“ zusammengefasst. Sie arbeiteten eng mit dem Hauptmann Ernst Röhm zusammen, der damals noch Angehöriger der Reichswehr war und erst später zum SA-Chef der NSDAP aufstieg. Die Einwohnerwehren hatten ihren Mitgliederschwerpunkt in Oberbayern. Im Frühjahr 1920 kam es zu einem erheblichen Zuzug zu den Einwohnerwehren nach der Auflösung der Freikorps. Die bayerischen Einwohnerwehren hatten im Frühjahr 1920 enge Kontakte zur umsturzbereiten Rechten in Berlin. Die Einwohnerwehren beschränkten sich auf den örtlichen Selbstschutz. Die Einwohnerwehren wurden in Preußen am 15. August 1920 und aufgrund einer Reichsverordnung vom 1. November 1920 verboten. Die Regierung Kahr verweigerte für ein weiteres Jahr die Auflösung der Wehrverbände. Die erzwungene Auflösung der Einwohnerwehren wirkte politisch radikalisierend.

Als Ersatz für die Einwohnerwehren gründete deren bayerischer Leiter Georg Escherich im August 1920 die Organisation Escherich, kurz „Orgesch“. Diese „Orgesch“, die reichsweit Angehörige der ehemaligen Einwohnerwehren zum Kampf gegen den Bolschewismus und zur Erziehung der Jugend im nationalen Sinne zusammenfassen sollte, wurde von der Regierung Kahr offen unterstützt. Unter der Regierung Kahr wurde Bayern zu einem Hort für alle rechten und rechtsradikalen Vereinigungen.

Das Erbe der bayerischen Einwohnerwehren trat eine von Sanitätsrat Otto Pittinger im Auftrage Kahrs gegründete Geheimorganisation an, die „Organisation Pittinger“. Diese machte dilettantische Staatsstreichpläne und machte den auf Umsturz sinnenden militanten Verbänden die großen Finanzmittel der Einwohnerwehren zugänglich. Die „Organisation Pittinger“ unterstützte die „Organisation Consul“, ein konspirativer Zusammenschluss von ehemaligen Offizieren der Brigade Ehrhardt, die nach dem Scheitern des Kapp-Lüttwitz-Putsches nun mit Terroranschlägen auf den Sturz der Republik hinarbeitete. Mitglieder der „Organisation Consul“ ermordeten Reichsaußenminister Walther Rathenau und Anhänger der „Organisation Consul“ ermordeten Finanzminister Matthias Erzberger. Außerdem war ein starker Zustrom von ehemaligen Angehörigen der Einwohnerwehren zur SA feststellbar.

Die Einwohnerwehr von Fürstenfeldbruck

Auch in Fürstenfeldbruck entstand eine Einwohnerwehr. Am 13. Mai 1919 schrieb das Bezirksamt Fürstenfeldbruck an die Herren Bürgermeister des Bezirkes: „1. Soweit in der Gemeinde noch keine Ortswehr gebildet ist oder die hinausgegebenen Gewehre wieder hereingeholt wurden, ergeht der Auftrag, nunmehr umgehend eine örtliche Sicherheitswehr in dem Umfange einzurichten, als es die öffentliche Sicherheit und die Aufrechterhaltung der Ruhe erfordert. 2. Für die Einstellung in die örtliche Sicherheitswehr gelten nachstehende von der Regierung Hoffmann aufgestellte Bedingungen: a) der Eintretende muss einwandfrei auf dem Boden der Regierung Hoffmann stehen und sich dieser verpflichten. b) Altersgrenzen: 22 Jahre bis 45 Jahre (Ausnahmen möglich) c) guter Leumund d) Körperliche Rüstigkeit e) er muss mit der Waffe, in die er eintreten will, ausgebildet sein. Ausgeschlossen sind: a) Personen, die zur Entfernung aus dem Heere oder Marine verurteilt oder mit Zuchthaus, Verlust der bürgerlichen Ehrenrecht oder Unfähigkeit zur Bekleidung öffentlicher Ämter vorbestraft sind, während der Dauer der Ehrenstrafen. b) Angehörige der II. Klasse des Soldatenstandes sowie Deserteure. c) Entwichene Zöglinge der Fürsorge und Besserungsanstalten. 3. Die Mitglieder der Ortswehr wählen aus ihrer Mitte einen Führer sowie etwa notwendige Gruppenführer. 4. Ueber sämtliche Mitglieder ist eine Liste anzulegen, die Name, Stand und Alter der Mitglieder sowie die Anzahl der hinausgegebenen Waffen enthält…6. Diejenigen Leute der örtlichen Sicherheitswehren, die als Wachen oder Patrouillen verwendet werden, erhalten für die Tage, an denen sie tatsächlich mit der Waffe Dienst tun, die Gebühren der Volkswehr. 7. Die benötigte Anzahl Gewehre sind bei der Ortskommandantur Fürstenfeldbruck anzufordern… Nibler“.

Bald darauf wurde in Fürstenfeldbruck eine örtliche Einwohnerwehr gegründet. Ein großer Teil davon bestand aus dem Bahnschutz. Die Sicherung und die Sicherheit des Bahnhofes und der Züge spielten also in der Fürstenfeldbrucker Einwohnerwehr eine große Rolle. Der Bahnschutz bestand aus zwei Abteilungen, einer stand der Gastwirt Leonhard Felber vor, der anderen der Kupferschmiedmeister Josef Neumayr. Weitere Mitglieder waren der Rechtsanwalt Richard Mahr, der Mechaniker Anton Rössig, der Kaufmann Georg Bichler, der Kaufmann Fritz Bernlochner, der Gastwirt Georg Eisenhut, der Steuersekretär Max Buchwieser, der Kohlenhändler Johann Ertl, der Getreideaufkäufer August Lichtenstern, der Kassenverwalter Fritz Kemeter, der Metzgermeister Johann Kneissl, der Kaufmann Eduard Kohl, der Steuersekretär Johann Schörm, der Malermeister Karl Stetter oder der Steinmetzmeister Xaver Mall. Die beiden Abteilungen des Bahnschutzes der Einwohnerwehr Fürstenfeldbruck bestanden aus insgesamt 33 Personen, ausschließlich Männer. Es handelte sich vorwiegend um Handwerksmeister und andere Gewerbetreibende sowie um einfache und mittlere Beamte, die beiden einzigen Arbeiter waren der Schlosser Josef Barthel und der Ziseleur Johann Seefried.

Die soziale Zusammensetzung der Einwohnerwehr Fürstenfeldbruck unterschied sich also kaum von der Zusammensetzung der anderen bayerischen Einwohnerwehren. Die Fürstenfeldbrucker Einwohnerwehr hatte die Aufgabe, die öffentliche Sicherheit aufrechtzuerhalten und zu schützen sowie für den Schutz der Familie und der materiellen Werte des Staates und der Einwohner zu sorgen. Welche konkreten Aktivitäten die Einwohnerwehr in Fürstenfeldbruck entfaltete ist unbekannt, unzweifelhaft ist der Schwerpunkt beim Bahnschutz.

Stadtarchivar

Dr. Gerhard Neumeier




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Stadt Fürstenfeldbruck
Hauptstr.31
82256 Fürstenfeldbruck

Stand: 08/13/2020
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